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Cover image of Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte Literatur von Goethe, Heine, Kant, Nietzsche, Lessing… Gelesen von Elisa Demonki u. a.

Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte Literatur von Goethe, Heine, Kant, Nietzsche, Lessing… Gelesen von Elisa Demonki u. a.

»Lesung« ist ein Podcast in dem Klassikerausschnitte, philosophische Werke und Gedichte u.a. von Goethe, Trakl, Heine, Kant, Nietzsche und Lessing von Elisa Demonkí gelesen werden. »Das Wort sei die Macht in deinem Ohr, dein Gefühl zu akzeptieren und neu zu erleben.«

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(24) Friedrich Schiller »Die Bürgschaft«

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlichDamon, den Dolch im Gewande;Ihn schlugen die Häscher in Bande.»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«Entgegnet ihm finster der Wüterich.»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«»Das sollst du am Kreuze bereuen.«»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereitUnd bitte nicht um mein Leben;Doch willst du Gnade mir geben,Ich flehe dich um drei Tage Zeit,Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;Ich lasse den Freund dir als Bürgen,Ihn magst du, entrinn‘ ich, erwürgen.«Da lächelt der König mit arger ListUnd spricht nach kurzem Bedenken:»Drei Tage will ich dir schenken.Doch wisse! wenn sie verstrichen, die Frist,Eh du zurück mir gegeben bist,So muß er statt deiner erblassen,Doch dir ist die Strafe erlassen.«Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,Daß ich am Kreuz mit dem LebenBezahle das frevelnde Streben;Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.So bleib du dem König zum Pfande,Bis ich komme, zu lösen die Bande.«Und schweigend umarmt ihn der treue FreundUnd liefert sich aus dem Tyrannen;Der andere ziehet von dannen.Und ehe das dritte Morgenrot scheint,Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,Eilt heim mit sorgender Seele,Damit er die Frist nicht verfehle.Da gießt unendlicher Regen herab,Von den Bergen stürzen die Quellen;Und die Bäche, die Ströme schwellen.Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,Da reißet die Brücke der Strudel hinab,Und donnernd sprengen die WogenDem Gewölbes krachenden Bogen.Und trostlos irrt er an Ufers Rand:Wie weit er auch spähet und blicketUnd die Stimme, die rufende, schicket.Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,Der ihn setze an das gewünschte Land,Kein Schiffer lenket die Fähre,Und der wilde Strom wird zum Meere.Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,Die Hände zum Zeus erhoben:»O hemme des Stromes Toben!Es eilen die Stunden, im Mittag stehtDie Sonne, und wenn sie niedergehtUnd ich kann die Stadt nicht erreichen,So muß der Freund mir erbleichen.«Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,Und Welle auf Welle zerrinnet,Und Stunde an Stunde ertrinnet.Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich MutUnd wirft sich hinein in die brausende FlutUnd teilt mit gewaltigen ArmenDen Strom, und ein Gott hat Erbarmen.Und gewinnt das Ufer und eilet fortUnd danket dem rettenden Gotte;Da stürzet die raubende RotteHervor aus des Waldes nächtlichem Ort,Den Pfad ihm sperrend, und schnaubert MordUnd hemmet des Wanderers EileMit drohend geschwungener Keule.»Was wollt ihr?« ruft er, vor Schrecken bleich,»Ich habe nichts als mein Leben,Das muß ich dem Könige geben!«Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:»Um des Freundes willen erbarmet euch!«Und drei mit gewaltigen Streichen,Erlegt er, die andern entweichen.Und die Sonne versendet glühenden Brand,Und von der unendlichen MüheErmattet sinken die Knie:»O hast du mich gnädig aus Räubershand,Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,Und soll hier verschmachtend verderben,Und der Freund mir, der liebende, sterben!«Und horch! da sprudelt es silberhell,Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,Und stille hält er, zu lauschen;Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,Und freudig bückt er sich niederUnd erfrischet die brennenden Glieder.Und die Sonne blickt durch der Zweige GrünUnd malt auf den glänzende… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/24-friedrich-schiller-die-buergschaft/)

8mins

3 May 2007

Rank #1

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(28) Hugo Ball »1. Dada-Abend«

Eröffnungs-ManifestZürich, 14. Juli 1916].]]]..].]]]..]].].]]]..]].]].Dada ist eine neue Kunstrichtung.Das kann man daran erkennen,daß bisher niemand etwas davon wußteund morgen ganz Zürich davon reden wird.Dada stammt aus dem Lexikon.Es ist furchtbar einfach.Im Französischen bedeutet’s Steckenpferd.Im Deutschen heißt’s Addio,steigts mir den Rücken runter.Auf Wiedersehen ein andermal!Im Rumänischen: »Ja wahrhaftig,Sie haben recht, so ist’s.Jawohl, wirklich, machen wir.« Und so weiter.Ein internationales Wort.Nur ein Wort und das Wort als Bewegung.Sehr leicht zu verstehen.Es ist ganz furchtbar einfach.Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht,muß das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen.Dada Psychologie, Dada Deutschlandsamt Indigestionen und Nebelkrämpfen,Dada Literatur, Dada Bourgeoisie,und ihr, verehrteste Dichter,die ihr immer mit Worten,aber nie das Wort selber gedichtet habt,die ihr um den nackten Punkt herumdichtet.Dada Weltkrieg und kein Ende,Dada Revolution und kein Anfang,Dada ihr Freunde und Auchdichter,allerwerteste, Manufakturisten und EvangelistenDada Tzara, Dada Huelsenbeck,Dada m’dada, Dada m’dada Dada mhm,dada dera dada Dada Hue, Dada Tza.].]]]..]].]].]]]..]].]]..]].].Wie erlangt man die ewige Seligkeit?Indem man Dada sagt.Wie wird man berühmt?Indem man Dada sagt.Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand.Bis zum Irrsinn. Bis zur Bewußtlosigkeit.Wie kann man alles Journalige, Aalige,alles Nette und Adrette, Bornierte,Vermoralisierte,Europäisierte*//.Enervierte,*//.abtun?Indem man Dada sagt.Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou.Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.Dada Herr Rubiner, Dada Herr Krokodi.Dada Herr Anastasius Lilienstein.].]]]].]]].].]]]..]]..]]…]].Das heißt auf Deutsch:Die Gastfreundschaft der Schweiz ist über alles zu schätzen.Und im Ästhetischen kommt es auf die Qualität an.].]]]..].]]]..].]]]..]].]].]].Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als:auf die konventionelle Sprache zu verzichten,ad acta zu legen.Dada Johann Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal.Dada Dalai Lama, Buddha, Bibel und Nietzsche.Dada m’dada. Dada mhm dada da.Auf die Verbindung kommt es an,und daß sie vorher ein bißchen unterbrochen wird.Ich will keine Worte, die andere erfunden haben.Alle Worte haben andre erfunden.Ich will meinen eigenen Unfug,meinen eigenen Rhythmus und Vokale und Konsonanten dazu,die ihm entsprechen, die von mir selbst sind.Wenn diese Schwingung sieben Ellen lang ist,will ich füglich Worte dazu, die sieben Ellen lang sind.Die Worte des Herrn Schulze haben nur zweieinhalb Zentimeter.].]]]..]].]]].]]]..]].]..]].].Da kann man nun so recht sehen,wie die artikulierte Sprache entsteht.Ich lasse die Vokale kobolzen.Ich lasse die Laute ganz einfach fallen,etwa wie eine Katze miaut…Worte tauchen auf, Schultern von Worten,Beine, Arme, Hände von Worten.Au, oi, uh.Man soll nicht zu viel Worte aufkommen lassen.Ein Vers ist die Gelegenheit, allen Schmutz abzutun.Ich wollte die Sprache hier selber fallen lassen.Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt,wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben.Das Wort will ich haben,wo es aufhört und wo es anfängt.Dada ist das Herz der Worte.].]]]].]]]..]].]]]..]].]…]].Jede Sache hat ihr Wort,aber das Wort ist eine Sache für sich geworden.Warum soll ich es nicht finden?Warum kann der Baum nicht »Pluplusch«… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/28-hugo-ball-1-dada-abend/)

5mins

2 Dec 2007

Rank #2

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(31) Rainer Maria Rilke »La Panthère/ Der Panther«

Jardin des Plantes, ParisSon regard du retour éternel des barreauxs’est tellement lassé qu’il ne saisit plus rien.Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbeso müd geworden, daß er nichts mehr hält.Il ne lui semble voir que barreaux par millierset derrière mille barreaux, plus de monde.Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbeund hinter tausend Stäben keine Welt.La molle marche des pas flexibles et fortsqui tourne dans le cercle le plus exiguparaît une danse de force autour d’un centreoù dort dans la torpeur un immense vouloir.Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,der sich im allerkleinsten Kreise dreht,ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,in der betäubt ein großer Wille steht.Quelquefois seulement le rideau des pupillessans bruit se lève. Alors une image y pénètre,court à travers le silence tendu des membres –Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupillesich lautlos auf – . Dann geht ein Bild hinein,geht durch der Glieder angespannte Stille –et dans le cœur s’interrompt d’être.und hört im Herzen auf zu sein.französischer Sprecher: Jérémie PaulKlavier: Ulrike TheusnerTraduction: Claude Vigée

1min

6 Jan 2008

Rank #3

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(37) Victor Hugo »Les Misérables« Gavroche dehors

Tome V – Jean ValjeanChapitre XV : Gavroche dehorsZwischen dem Kugelfeuer draußen auf der Straßeerblickte plötzlich Courfeyrac jemanden unten auf den Barrikaden.Gavroche saß unbekümmert zwischen den getöteten Nationalgardistenund plünderte ihre Patronentaschen.„Was machst du da?“ fragte Courfeyrac.Gavroche sah in frech an.„Citoyen, j’emplis mon panier.“(„Na ich fülle meinen Korb.“ )„Siehst du nicht wie sie schiessen?“„Eh bien, il pleut. Après ?“(„Nun, es regnet.“) erwiderte Gavroche.„Komm mir bloß rein!“ rief Courfeyrac.Gavroche kam näher„Tout à l’heure“(„Ja gleich in einer Stunde.“)und war mit einem Satz wieder auf der Straße.Überall lagen Tote. Vielleicht zwanzig.Für Garvroche bedeute dass,etwa zwanzig Patronentaschen für die Verteidigungder Barrikade einzusammeln.Wie dichter Nebel bedeckte der Kriegsqualm die enge Straße.Kämpfer und Kameraden wussten sich kaum zu unterscheiden.Diese günstige Verworrenheit vor den Barrikadenließ unseren kleinen Garvroche ziemlich weit vorwagen.Fast ungesehen waren die nächstliegenden siebenoder acht Patronentaschen schnell in seinem Korb veschwunden.Flink bewegte er sich von einem Toten zum Nächstenund öffnete die Patronentaschen wie ein hungriger Affe Nüsse.Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, blieben die Kameraden bei denBarrikaden ruhig und ermahnten ihn nicht zurückzukehren.Bei einem Leichnam fand er ein Pulverhorn „pour la soif“,(„für den Durst,“) und liess es in seiner Tasche verschwinden.Doch im Eifer des Gefechts bemerkte er nicht,dass er bereits den Strassenteil erreicht hatte,auf dem der Rauch dünn war.Plötzlich sahen die Soldaten, wie etwas sich im Qualm bewegte.Und als Garvroche die nächste Patronentasche aufknüpfte,traf eine Kugel die Leiche.„Fichtre !“ rief er empört. „Voilà qu’on me tue mes morts.“(„Nun schiessen sie mir schon meine Toten tot!“) Eine zweite funkte neben ihm auf dem Pflaster auf.Die dritte warf seinen Korb um.Garvroche hielt inneund schaute in die Richtung aus der die Kugeln gekommen waren.Er richtete sich auf, die Haare im Wind, die Hände in den Hüften, derBlick fest auf die Nationalgardisten gerichtet.On est laid à Nanterre,C’est la faute à Voltaire,Et bête à Palaiseau,C’est la faute à Rousseau.Dann hob er seinen Korb auf,sammelte die herausgefallenen Patronen wieder einund fuhr damit fort, die Taschen der toten Soldaten zu plündern.Eine vierte Kugel verfehlte ihn.Gavroche rief:Je ne suis pas notaire,C’est la faute à Voltaire,Je suis petit oiseau,C’est la faute à Rousseau.Eine fünfte Kugel.Joie est mon caractère,C’est la faute à Voltaire,Misère est mon trousseau,C’est la faute à Rousseau.Gefesselt sah man auf dieses gruselige Schauspiel.Jeden Schuss beantworte Gavroche mit einer Strophe.Es schien ihm Freude zu machen die Soldaten zu foppen.Er hüpfte zwischen den Kugeln hin und herund drehte eine lange Nase in Richtung der Schützen.Ein finsterer Spass lag in der Luft.Die Nationalgardisten fingen an zu lachen.Gavroche spielte verstecken mit dem Todund sammelte weiter Patronen.Die Aufständischen auf der anderen Seite hielten ihren Atem anund sahen wie wie ein kleiner zarter Jungedie Barrikade zum Zittern brachte.Die Kugel traf ihn.Das Kind taumelte. Gavroche fiel auf das Pflaster.Doch er war nur gefallen um sich noch einmal aufzurichten.Halb steh… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/37-victor-hugo-les-miserables-gavroche-dehors/)

5mins

26 Oct 2008

Rank #4

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(19) Friedrich Nietzsche »Zarathustra« 3.Teil - Der Wanderer

Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg,gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an,und wie viele Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger,sagte er zu seinem Herzen,ich liebe die Ebenen nicht,und es scheint,ich kann nicht lange still sitzen.Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme– ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen:man erlebt endlich nur noch sich selber.Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften;und was könnte jetzt noch zu mir fallen,was nicht schon mein Eigen wäre!Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim –mein eigen Selbst,und was von ihm lange in der Fremde warund zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.Und noch eins weiß ich:ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem,was mir am längsten aufgespart war.Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan!Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!Wer aber meiner Art ist,der entgeht einer solchen Stunde nicht:der Stunde, die zu ihm redet:„Jetzt erst gehst du deinen Weg der Größe!Gipfel und Abgrund – das ist jetzt in Eins beschlossen!Du gehst deinen Weg der Größe:nun ist deine letzte Zuflucht worden,was bisher deine letzte Gefahr hieß!Du gehst deinen Weg der Größe:das muss nun dein bester Mut sein,dass es hinter dir keinen Weg mehr gibt!Du gehst deinen Weg der Größe;hier soll dir keiner nachschleichen!Dein Fuß selber löschte hinter dir den Weg aus,und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen,so musst du verstehen,noch auf deinen eigenen Kopf zu steigen:wie wolltest du anders aufwärts steigen?Auf deinen eigenen Kopf und hinweg über dein eigenes Herz!Jetzt muss das Mildeste an dir noch zum Härtesten werden.Wer sich stets viel geschont hat,der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung.Gelobt sei, was hart macht!Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig – fließt!Von sich absehen lernen ist nötig,um viel zu sehn:– diese Härte tut jedem Bergsteigenden Not.Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender,wie sollte der von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!Du aber, oh Zarathustra,wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund:so musst du schon über dich selber steigen,– hinan, hinauf, bis du auch deine Sterne noch unter dir hast!Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne:das erst hieße mir mein Gipfel,das blieb mir noch zurück als mein letzter Gipfel! -“Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich,mit harten Sprüchlein sein Herz tröstend:denn er ward wund am Herzen wie noch niemals zuvor.Und als er auf die Höhe des Bergrückens kam,siehe, da lag das andere Meer vor ihm ausgebreitet:und er stand still und schwieg lange.Die Nacht aber war kalt in dieser Höhe und klar und hellgestirnt.Ich erkenne mein Los, sagte er endlich mit Trauer.Wohlan! Ich bin bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.Ach, diese schwarze traurige See unter mir!Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun hinab steigen!Vor meinem höchsten Berge stehe ichund vor meiner längsten Wanderung:darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:– tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg,bis hinein in seine schwärzeste Flut!So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst.Da lernte ich, dass sie aus … (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/19-friedrich-nietzsche-zarathustra-3-teil-der-wanderer/)

8mins

22 Jan 2007

Rank #5

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(26) Johann Wolfgang von Goethe »Willkommen und Abschied«

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!Es war getan fast eh gedacht.Der Abend wiegte schon die Erde,Und an den Bergen hing die Nacht;Schon stand im Nebelkleid die Eiche,Ein aufgetürmter Riese, da,Wo Finsternis aus dem GesträucheMit hundert schwarzen Augen sah.Der Mond von einem WolkenhügelSah kläglich aus dem Duft hervor,Die Winde schwangen leise Flügel,Umsausten schauerlich mein Ohr;Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,Doch frisch und fröhlich war mein Mut:In meinen Adern welches Feuer!In meinem Herzen welche Glut!Dich sah ich, und die milde FreudeFloß von dem süßen Blick auf mich;Ganz war mein Herz an deiner SeiteUnd jeder Atemzug für dich.Ein rosenfarbnes FrühlingswetterUmgab das liebliche Gesicht,Und Zärtlichkeit für mich ? ihr Götter!Ich hofft es, ich verdient es nicht!Doch ach, schon mit der MorgensonneVerengt der Abschied mir das Herz:In deinen Küssen welche Wonne!In deinem Auge welcher Schmerz!Ich ging, du standst und sahst zur Erden,Und sahst mir nach mit nassem Blick:Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!Und lieben, Götter, welch ein Glück!Klavier: Ulrike Theusner

2mins

25 Aug 2007

Rank #6

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(34) Wilhelm Busch »Die Selbstkritik«

Die Selbstkritik hat viel für sich.Gesetzt den Fall, ich tadle mich:So hab ich erstens den Gewinn,Dass ich so hübsch bescheiden bin;Zum zweiten denken sich die Leut,Der Mann ist lauter Redlichkeit;Auch schnapp ich drittens diesen BissenVorweg den andern Kritiküssen;Und viertens hoff ich außerdemAuf Widerspruch, der mir genehm.So kommt es denn zuletzt heraus,Dass ich ein ganz famoses Haus.Sound: Elisa Demonkí

13 Feb 2008

Rank #7

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(32) Wilhelm Busch »Halt dein Rößlein nur im Zügel«

Halt dein Rößlein nur im Zügel,kommst ja doch nicht allzuweit.Hinter jedem neuen Hügeldehnt sich die Unendlichkeit.Nenne niemand dumm und säumig,der das Nächste recht bedenkt.Ach, die Welt ist so geräumig,und der Kopf ist so beschränkt.Sound: Elisa Demonkí

13 Feb 2008

Rank #8

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(35) Giovanni Boccaccio »Die Urform der Ringparabel«

Daß Klugheit uns retten kann,will ich euch in einer kurzen Erzählung zeigen.Saladin, dessen Tapferkeit so groß war,daß sie ihn nicht nur aus einem unbedeutenden Mannezum Sultan von Babylon machte,sondern ihm auch zu zahlreichen Siegenüber sarazenische und christliche Könige verhalf,hatte in verschiedenen Kriegenund infolge seiner Prunksucht seinen ganzen Schatz verschwendet;da er nun aber aus irgendeinem Anlaß eine große Summe Geldes brauchteund gar nicht wußte, wo er sie in der Eile hernehmen sollte,fiel ihm ein reicher Jude namens Melchisedek ein,ein Geldverleiher in Alessandrien, der ihm wohl helfen konnte,wenn er wollte;doch war der so geizig,daß er aus freien Stücken es wohl nicht tun würde,und Gewalt wollte er nicht gern anwenden.Da jedoch die Not ihn drängte, bemühte er sich,ein Mittel zu finden, um den Juden gefügig zu machenund kam auf den Einfall,ihn doch unter irgendeinem Vorwande zu zwingen.Er ließ ihn also zu sich rufen,begrüßte ihn sehr freundschaftlich,nötigte ihn zum Sitzen und sagte:„Guter Freund, ich habe von vielen Leuten gehört,daß du ein sehr kluger Mann bistund in göttlichen Dingen einen sehr großen Scharfsinn besitzt.Deshalb möchte ich gern von dir wissen,welche von den drei Religionen du für die wahre hältst;die jüdische, die sarazenische oder die christliche?“Der Jude, der ein wirklich kluger Mann war, erriet sofort,daß Saladin nur darauf ausging, ihn in seinen Worten zu fangen,um irgendeinen Streit mit ihm heraufzubeschwören, und erkannte,daß er keine der drei Religionen mehr loben dürfte als die beiden anderen,damit Saladin seine Absicht nicht erreiche.Da er nun eine Antwort finden mußte, die ihm keine Schlinge legte,bot er seinen Scharfsinn auf und sagte:„Herr, Eure Frage ist trefflich, aber wenn ich Euch sagen soll,wie ich über diese Dinge denke, muß ich Euch eine Geschichte erzählen.Oftmals habe ich, wenn ich nicht irre,von einem vornehmen, reichen Manne gehört,der unter anderen Kleinodien in seinem Schatzauch einen sehr schönen und wertvollen Ring besaß,den er wegen seiner Kostbarkeit und Schönheit gern in Ehren haltenund auf ewig im Besitze seiner Nachkommen wissen wollte;deshalb ordnete er an, daß derjenige unter seinen Söhnen,dem er diesen Ring hinterlassen würde, gleichzeitig auch sein Erbeund von den andern als der erste geehrt und geachtet werden sollte.Sein Sohn, dem dieser Ring zufiel, machte es bei seinem Tode ebenso,und so ging dieser Ring von Hand zu Hand, viele Generationen hindurch.Schließlich aber kam er in die Hand eines Mannes,der drei schöne, tugendhafte und gehorsame Söhne hatte,die er alle drei gleich liebte.Und jeder der Jünglinge bat,da er die Wirkungen des Ringes kannte und danach trachtete,den Vorrang zu bekommen, den Vater, der schon alt war,bei seinem Tode ihm den Ring zu hinterlassen.Der wackere Mann, der sie alle drei in gleichem Maße liebteund selber nicht wußte, wen er zu seinem Erben machen sollte,sann darauf, alle drei zufriedenzustellen,da er einem jeden den Ring versprochen hatte.Er ließ deshalb von einem geschickten Meister zwei andere Ringe machen,die dem ersten so ähnlich waren,daß der Besitzer des Ringes kaum den echten herausfinden konnte.Als er seinen Tod nahen fühlte,gab er jedem seiner Söhne heimlich einen Ring.Nachdem nun der Vater gestorben war,machten alle drei Anspruch auf das Erbeund den Vorrang und legten zum Zeichen ihrer Be… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/35-giovanni-boccaccio-die-urform-der-ringparabel/)

8mins

27 Apr 2008

Rank #9

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(33) Wilhelm Busch »Früher, da ich unerfahren«

Früher, da ich unerfahrenUnd bescheidner war als heute,Hatten meine höchste AchtungAndre Leute.Später traf ich auf der WeideAußer mir noch mehr Kälber,Und nun schätz ich, sozusagen,Erst mich selber.Sound: Elisa Demonkí

13 Feb 2008

Rank #10

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(21) Kurt Tucholsky »Augen in der Großstadt«

Wenn du zur Arbeit gehstam frühen Morgen,wenn du am Bahnhof stehstmit deinen Sorgen:dann zeigt die Stadtdir asphaltglattim MenschentrichterMillionen Gesichter:Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,die Braue, Pupillen, die Lider –Was war das?Vielleicht dein Lebensglück…vorbei, verweht, nie wieder.Du gehst dein Leben langauf tausend Straßen;du siehst auf deinem Gang,die dich vergaßen.Ein Auge winkt,die Seele klingtdu hast’s gefunden,nur für Sekunden…Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,die Braue, Pupillen, die Lider –Was war das?Kein Mensch dreht die Zeit zurück…Vorbei, verweht, nie wieder.Du mußt auf deinem Gangdurch Städte wandern;siehst einen Pulsschlag langden fremden Andern.Es kann ein Feind sein,es kann ein Freund sein,es kann im Kampfe deinGenosse sein.Es sieht hinüberund zieht vorüber …Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,die Braue, Pupillen, die Lider –Was war das?Von der großen Menschheit ein Stück!Vorbei, verweht, nie wieder.im schwedischen Läggesta, 1929

3mins

5 Mar 2007

Rank #11

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(36) Gustav Schwab »Jasons Ende«

Sagen des klassischen AltertumsII. Buch. Die ArgonautensageIason gelangte nicht zu dem Thron von Iolkos,um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden,Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtoseinen schändlichen Mord begangen hatte.Er mußte das Königreich dem Sohn des Pelias, Akastos, überlassenund sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flüchten.Hier lebte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar ihm zwei Söhne,Memeros und Pheros mit Namen.Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen,sondern auch wegen ihres edlen Sinnesund ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten geliebt und geehrt.Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte,wurde Iason von der Schönheit eines jungen Mädchens,der Tochter des Korintherkönigs Kreon,mit Namen Glauke, entzündet und betört.Ohne daß seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau,und erst nachdem der Vater eingewilligt und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er seine Gemahlin zu bewegen,daß sie freiwillig auf die Ehe verzichten sollte.Medea war entrüstet über diesen Antrag und rief zürnend die Götter an,als Zeugen seiner Schwüre.Iason achtete desen nicht und vermählte sich mit der Königstochter.Verzweifelnd irrte Medea im Palast ihres Gatten umher.»Wehe mir«, rief sie, »möchte die Flamme des Himmels auf meinem Haupt herniederzücken! Was soll ich länger leben?Möchte der Tod sich meiner erbarmen!O Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe!O Bruder, den ich gemordet und dessen Blut jetzt über mich kommt!Aber nicht an meinem Gatten Iason war es, mich zu strafen;für ihn habe ich gesündigt! Göttin der Gerechtigkeit,mögest du ihn und sein junges Weib verderben!«Noch jammerte sie so, als Kreon, Iasons neuer Schwiegervater,im Palast ihr begegnete.»Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte«,redete er sie an, »nimm deine Söhne an der Handund verlaße mein Land auf der Stelle;ich werde nicht nach Hause kehren,ehe ich dich über meine Grenzen gejagt.«Medea, ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme:»Warum fürchtest du ein Übel von mir, Kreon?Was hast du mir Böses getan, was wärest du mir schuldig?Nur meinen Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist.Doch es ist geschehen; mögen sie als Gatten leben.Mich aber laßt in diesem Lande wohnen; denn obgleich ich tief gekränkt bin,so will ich doch schweigen und den Mächtigeren mich unterwerfen.«Aber Kreon sah ihr die Wut in den Augen an, er traute ihr nicht,obgleich sie seine Kniee umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen,ihr so verhaßten Tochter Glauke beschwor. »Geh«, erwiderte er,»und befreie mich von Sorgen!«Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub,um einen Weg zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen zu können.»Meine Seele ist nicht tyrannisch«, sprach nun der König;»schon viel törichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu geübt.Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle;dennoch sei es dir gestattet, Weib.«Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte,bemächtigte sich ihrer der Wahnsinn,und sie schritt zur Vollführung einer Tat,die ihr wohl bisher dunkel im Geist vorgeschwebt,an deren Möglichkeit sie aber selbst nicht geglaubt hatte.Dennoch machte sie vorher einen letzten Versuch,ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem Frevel zu überzeugen.Sie trat vor ihn und sprach zu ihm:»O du schlimmst… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/36-gustav-schwab-jasons-ende/)

13mins

23 Jun 2008

Rank #12

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(25) Friedrich Nietzsche - »Die fröhliche Wissenschaft« 268-275

– 268 –Was macht heroisch?Zugleich seinem höchsten Leideund seiner höchsten Hoffnung entgegengehen.– 269 –Woran glaubst du?Daran:dass die Gewichte aller Dingeneu bestimmt werden müssen.– 270 –Was sagt dein Gewissen?„Du sollst der werden, der du bist“.– 271 –Wo liegen deine größten Gefahren?Im Mitleiden.– 272 –Was liebst du an Anderen?Meine Hoffnungen.– 273 –Was nennst du schlecht?Den, der immer beschämen will.– 274 –Was ist dir das Menschlichste?Jemandem Scham ersparen.– 275 –Was ist das Siegel der erreichten Freiheit?Sich nicht mehr vor sich selber schämen.

1min

28 Jun 2007

Rank #13

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(18) Immanuel Kant »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«

Aufklärung istder Ausgang des Menschenaus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.Unmündigkeit ist das Unvermögen,sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit,wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes,sondern der Entschließung und des Mutes liegt,sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.Sapere aude!Habe Mutdich deines eigenen Verstandes zu bedienen!ist also der Wahlspruch der Aufklärung.Faulheit und Feigheit sind die Ursachen,warum ein so großer Teil der Menschen,nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen,dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben;und warum es Anderen so leicht wird,sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.Es ist so bequem, unmündig zu sein.Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat,einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat,einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.,so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.Ich habe nicht nötig zu denken,wenn ich nur bezahlen kann;andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.Daß der bei weitem größte Teil der Menschen(darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit,außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte:dafür sorgen schon jene Vormünder,die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten,daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen,darin sie sie einsperreten, wagen durften,so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr,die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen.Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht,denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen;allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchternund schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer,sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig,sich seines eigenen Verstandes zu bedienen,weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ.Satzungen und Formeln,diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchsoder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben,sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.Wer sie auch abwürfe,würde dennoch auch über den schmalesten Grabeneinen nur unsicheren Sprung tun,weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist.Daher gibt es nur Wenige, denen es gelungen ist,durch eigene Bearbeitung ihres Geistessich aus der Unmündigkeit heraus zu wickelnund dennoch einen sicheren Gang zu tun.

3mins

17 Dec 2006

Rank #14

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(30) Wilhelm Busch »Es sitzt ein Vogel«

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,Er flattert sehr und kann nicht heim.Ein schwarzer Kater schleicht herzu,Die Krallen scharf, die Augen gluh.Am Baum hinauf und immer höherKommt er dem armen Vogel näher.Der Vogel denkt: Weil das so istUnd weil mich doch der Kater frisst,So will ich keine Zeit verlieren,Will noch ein wenig quinquilierenUnd lustig pfeifen wie zuvor.Der Vogel, scheint mir, hat Humor.Musik: Ulrike Theusner und Elisa Demonkí

1min

2 Dec 2007

Rank #15

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(29) mittelhochdeutsches Gedicht »Dû bist mîn«

Dû bist mîn, ich bin dîn:des solt dû gewis sîn;dû bist beslozzen in mînem herzen,verlorn ist daz slüzzelîn:dû muost och immer darinne sîn.Musik: Elisa Demonkí Ulrike Theusner

2 Dec 2007

Rank #16

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(27) Rosa Luxemburg »Briefe aus dem Gefängnis«

An Sonia LiebknechtBreslau, Mitte Dezember 1917…Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt,auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär,voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden,oft mit Blutflecken …,die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt,dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert.Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln.Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe.Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder,mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern,die Schädel also unseren Schafen ähnlicher,ganz schwarz mit großen sanften Augen.Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen …die Soldaten, die den Wagen führen,erzählen, daß es sehr mühsam war,diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer,sie, die an die Freiheit gewöhnt waren,zum Lastdienst zu benutzen.Sie wurden furchtbar geprügelt,bis daß für sie das Wort gilt „vae victis“*.… An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein;dazu bekommen sie,die an üppige rumänische Weide gewöhnt waren,elendes und karges Futter.Sie werden schonungslos ausgenutzt,um alle möglichen Lastwagen zu schleppen,und gehen dabei rasch zugrunde.– Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren,die Last war so hoch aufgetürmt,daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten.Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an,derart auf die Tieremit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen,daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte,ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte!„Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“,antwortete er mit bösen Lächeln und hieb noch kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließ an und kamen über den Berg,aber eins blutete …Sonitschka,die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit,und die war zerrissen.Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft,und eins, das, welches blutete,schaute dabei vor sich hinmit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesichtund den sanften Augen wie ein verweintes Kind.Es war direkt der Ausdruck eines Kindes,das hart bestraft worden istund nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qualund der rohen Gewalt entgehen soll… ich stand davor, und das Tier blickte mich an,mir rannten die Tränen herunter– es waren seine Tränen,man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken,als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte.Wie weit, wie unerreichbar,verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens!Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind,wie anders waren die schönen Laute der Vögeloder das melodische Rufen der Hirten.Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall,das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt,die fremden furchtbaren Menschen,und – die Schläge, das Blut,das aus der frischen Wunde rinnt …Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder,wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpfund sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. –*“vae victis!“ (dt. „Wehe den Besiegten!“)in Andenken an Rosa Luxemburg(geboren 1871 – hingerichtet 1919)„Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden“Klavier Lesung: Elisa Demonkí

4mins

21 Oct 2007

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(20) Johann Wolfgang von Goethe »Erlkönig«

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?Es ist der Vater mit seinem Kind;Er hat den Knaben wohl in dem Arm,Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? –Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;Manch bunte Blumen sind an dem Strand,Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,Was Erlenkönig mir leise verspricht? –Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;In dürren Blättern säuselt der Wind. –»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?Meine Töchter sollen dich warten schön;Meine Töchter führen den nächtlichen ReihnUnd wiegen und tanzen und singen dich ein.«Illustriert von Frank Kirchbach Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dortErlkönigs Töchter am düstren Ort? –Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:Es scheinen die alten Weiden so grau. –»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!Erlkönig hat mir ein Leids getan! –Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,Er hält in den Armen das ächzende Kind,Erreicht den Hof mit Mühe und Not;In seinen Armen das Kind war tot.

3mins

4 Feb 2007

Rank #18

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(17) Gotthold Ephraim Lessing »Die Geschichte des alten Wolfs«

1.Der böse Wolf war zu Jahren gekommenund faßte den gleißenden Entschluß,mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben.Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer,dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren.„Schäfer“, sprach er,„du nennest mich den blutgierigsten Räuber,der ich doch wirklich nicht bin.Freilich muß ich mich an deine Schafe halten,wenn mich hungert; denn Hunger tut weh.Schütze mich nur vor dem Hunger;mache mich nur satt,und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein.Denn ich bin wirklich das zahmste,sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin.“„Wenn du satt bist? Das kann wohl sein“,versetzte der Schäfer.„Aber wann bist du denn satt?Du und der Geiz werden es nie.Geh deinen Weg!“2.Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer.„Du weißt, Schäfer“, war seine Anrede,„daß ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte.Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben,so bin ich zufrieden.Du kannst alsdenn sicher schlafenund die Hunde ohne Bedenken abschaffen.“„Sechs Schafe?“ sprach der Schäfer,„das ist ja eine ganze Herde!“„Nun, weil du es bist,so will ich mich mit fünfen begnügen“, sagte der Wolf.„Du scherzest, fünf Schafe!Mehr als fünf Schafe opfere ich kaum im ganzen Jahr dem Pan.“„Auch nicht viere?“ fragte der Wolf weiter;und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf.„Drei? – Zwei?“„Nicht ein einziges“, fiel endlich der Bescheid,„denn es wäre ja wohl töricht,wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte,vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichern kann.“3.Aller guten Dinge sind drei,dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.„Es geht mir recht nahe“, sprach er,„daß ich unter euch Schäfern als das grausamste,gewissenloseste Tier verschrien bin.Dir, Montan, will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut.Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde,den niemand unsicher macht als ich,frei und unbeschädigt weiden dürfen.Ein Schaf! Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger,könnte ich uneigennütziger handeln?–Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?“„Oh, über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?“sprach der Schäfer.„Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug,dir deine liebsten Lämmer zu würgen.“„Erzürne dich nicht, alter Isegrim!Es tut mir leid,daß du mit deinem Vorschläge einige Jahre zu späte kommst.Deine ausgebissenen Zähne verraten dich.Du spielst den Uneigennützigen,bloß um dich gemächlicher mit desto weniger Gefahr nähren zu können.“4.Der Wolf ward ärgerlich,faßte sich aber doch und ging auch zu dem vierten Schäfer.Diesem war eben sein treuer Hund gestorben,und der Wolf machte sich den Umstand zunutze.„Schäfer“, sprach er,„ich habe mich mit meinen Brüdern in dem Walde veruneiniget und so,daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen aussöhnen werde.Du weißt, wieviel du von ihnen zu fürchten hast!Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundesin Dienste nehmen willst,so stehe ich dafür,daß sie keines deiner Schafe auch nur scheel ansehen sollen.“„Du willst sie also“,versetzte der Schäfer,„gegen deine Brüder im Walde beschützen?“„Was meine ich denn sonst? Freilich.“„Das wäre nicht übel!Aber, wenn ich dich nun in meine Horden einnähme,sage mir doch,wer sollte alsdenn meine a… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/17-gotthold-ephraim-lessing-die-geschichte-des-alten-wolfs/)

9mins

18 Nov 2006

Rank #19

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(22) Johann Wolfgang von Goethe »Faust 1 - Vor dem Tor«

– WAGNER –Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.Wie anders tragen uns die GeistesfreudenVon Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!Da werden Winternächte hold und schönEin selig Leben wärmet alle Glieder,Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.– FAUST –Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,O lerne nie den andern kennen!Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,Die eine will sich von der andern trennen;Die eine hält, in derber Liebeslust,Sich an die Welt mit klammernden Organen;Die andre hebt gewaltsam sich vom DustZu den Gefilden hoher Ahnen.O gibt es Geister in der Luft,Die zwischen Erd und Himmel herrschend webenSo steiget nieder aus dem goldnen DuftUnd führt mich weg zu neuem, buntem Leben!Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein,Und trüg er mich in fremde Länder!Mir wollt er um die köstlichsten Gewänder,Nicht feil um einen Königsmantel sein.Heute vor 175 Jahren starb Johann Wolfgang von Goethe in Weimar.

1min

22 Mar 2007

Rank #20